Ist das Kunst, oder kann ich das löschen?


Alles wird digital. Auch die Kunst: längst gibt es digitale Museen, Kunstführer, Bilder, Galerien und Märkte. Aber die größte Umschwung steht uns noch bevor.

Letztes Jahr hat sich David Hockney ein iPad gekauft. Bis dahin hat er, seit 2008, auf seinem iPhone gezeichnet - wie Millionen anderer Leute mit der einfachen App „Brushes“. Angeblich auch aus Bequemlichkeit, behauptet er: damit er morgens direkt nach dem Aufwachen anfangen kann, ohne erst ein Wasserglas und einen Pinsel zu besorgen.

Allerdings setzt er auch auf eine andere Qualität der digitalen Kunst: sie leuchtet. Leuchtende Bilder! "Auf Papier würden sie das Wichtigste verlieren, nämlich ihre besondere Leuchtkraft", zitiert ihn Thomas Borchert mehrdeutig anlässlich der digitalen Hockney-Ausstellung „Me Draw on iPad“ im Louisiana-Museum in Humlebæk bei Kopenhagen, wo seine Werke auf iPads gezeigt werden. Dort entstand übrigens auch unser Film, der Hockney beim Zeichnen im Museumscafé zeigt.




David Hockney ist nicht der einzige und auch nicht der erste Künstler, der digitale Bilder produziert. Er ist aber der bei weitem populärste Maler, der diese noch immer vergleichsweise neue Technik so umfassend adaptiert hat. Ist das jetzt eine Revolution?

Natürlich ist das Kunstwerk schon immer an die Anwendung und Neuerfindung von Techniken gebunden. Vom Anmischen der Farben in der Chauvet-Höhle (Haben Sie den Film von Werner Herzog schon gesehen?) bis zu Pollocks Dripping-Technik ist die gesamte Kunstgeschichte immer auch eine Geschichte der materiellen Technikinnovationen. Na ja. Die Herstellung – oder Vervielfältigung – der Werke ist an Techniken gebunden, die neu erfunden, wiederentdeckt, verändert oder neu kombiniert werden. Ästhetisch-technische Ansätze von der schlichten Mimesis über idealisierende Konstitution realitätstranszendenter Wahrheiten bis zu Surrealismus oder Abstraktion sind davon auch noch zu unterscheiden. Sie Das Verhältnis von Bild, Abbild und Wirklichkeit und die Funktion von Kunst überhaupt sind Themen, die auch unabhängig von der materiellen Technik abgehandelt werden.

In ein paar Jahren gibt es dann viel Aufregung über digitale Skulpruten, wenn 3D-Projektionen den Massenmarkt erreicht haben. Na ja. Das Ganze als Revolution auszurufen scheint etwas übertrieben. Es ist aber – und das sollte man nicht unterschätzen – eine weitere neue Technik, die dem künstlerischen Ausdruck zur Verfügung steht und die immer mehr Anerkennung findet.

Hockney verschickt seine digitalen Bilder an Freunde auf der ganzen Welt (so ähnlich wie der alte Feininger mit seinen Karten). Wie andere auch habe er noch nicht herausgefunden, wie er dafür bezahlt werden könne: „Aber viele meiner Freunde freuen sich drüber, alles andere ist doch egal. Genießt einfach die Ausstellung.“

Ja, Herr Hockney kann es sich wohl leisten, unentgeltlich zu arbeiten. Andere sind noch nicht so weit – sie bangen darum, überhaupt Einzug in die Galerien zu halten, also sozusagen ins Standardsortiment der Kunstfachgeschäfte aufgenommen zu werden. Speziell diese Newcomer hat eine andere digitale Einrichtung im Blick. Das Online-Auktionshaus Start your Art bietet unbekannten Künstlern eine Marktplattform, auf der sie ihre Werke anbieten können. Und gleichzeitig will die Gründerin Jenny Seul die Kunstwerke auch einem breiteren Publikum zugänglich machen: „Auf der anderen Seite sprachen mich immer wieder Bekannte an, die das Bedürfnis hatten, Kunst zu erwerben, sich aber nicht mit dem Gedanken anfreunden konnten, Galerieräume zu betreten“, sagt Jenny Seul, „hier herrscht zumeist eine sterile Atmosphäre und man fühlt sich ständig beobachtet. Das Internet gibt Interessenten nun die Möglichkeit, ungestört nach bestimmten Kriterien zu stöbern und seinem Budget entsprechend zu agieren.“

Bevor die Gralshüter der Kunst von Profanierung und Kommerzialisierung raunen, weisen wir einfach darauf hin, dass es ohne Markt keine Kunst gibt, und dass eine Demokratisierung über den Abbau von Hemmschwellen das heilige Kunstwollen nicht entweiht, sondern produktive neue Impulse geben kann. Das Verkaufen und Bewerten muss man auch als Bestandteil des schöpferischen Prozesses (an)erkannt werden. Und die digitale Technik macht in diesem wie in vielen anderen Märkten ganz neue Verbreitungswege möglich, die ihrerseits wiederum die Kreation beeinflussen. Das bedeutet nicht weniger als die Veränderung der Fotografie durch die Digitalsierung. Im Debut haben wir schon Edward B. Gordon vorgestellt, der über das Internet jeden Tag ein Bild verkauft (LINK). Ein anderes nettes Zwischenformat zwischen analog und digital ist eine Ausstellung von Thomas Zehnter, die zur Zeit unter dem etwas kalauerischen Titel „RezAPPte“ in Bochum gezeigt wird: gezeigt werden nur großformatige, kolorierte QR-Codes. Zugang zu den eigentlichen Bildern erhält man dann erst über das Smartphone.

Nicht nur das Verkaufen, sondern überhaupt das Sichtbarmachen von Kunstwerken wird verändert. Zahlreiche Kunstführer-Apps finden anstrengungslos ein größeres Publikum als alle Fachverlage. Eine traditionelle Website, wie z.B. startyourart.de, kann von viel mehr Menschen besucht werden als jede Galerie. Hier sind es natürlich nur Bilder vom Bild, die sich zu den potentiellen Käufern bewegen. Aber auch die Kunstwerke selber werden beweglicher: «Früher gab es Fresken an den Decken, dann das wegen seiner Beweglichkeit ungeheuer erfolgreiche Tafelbild auf Leinwand oder Holz, heute gibt es Apps, mit denen die Kunst so mobil geworden ist wie noch nie zuvor», sagt Peter Weibel, der Vorsitzende des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe, das in diesem Jahr die ersten App Awards vergeben hat. Während allerdings die Fresken problemlos ein paar Jahrhunderte überdauern, stellt sich bei digitaler Kunst die Frage nach der Haltbarkeit – in immer schnellerem Rhythmus werden neue Wiedergabegeräte entwickelt, die die Darstellungsformen vergangener Formate verändern oder sie mit ziemlicher Sicherheit in den nächsten zwanzig oder dreißig Jahren unbrauchbar machen. Aber so weit sind wir noch nicht. Erst mal steht eine Innovation ins Haus, die die Frage betreffen könnte, was wir überhaupt aufbewahren wollen: während die Bildschirme munter digitale und analoge Kunst verbreiten und neuen Betrachtern zur Verfügung stellen, arbeitet ein Startup namens art.sy daran, zu verändern, was wir als Kunst wahrnehmen.

Art.sy ist die kunstorientiere Version des Satzes „Andere, die sich für diesen Artikel interessiert haben, kauften auch...“ (bei dem es uns immer noch erstaunt, dass eilfertige Supermarktleiter ihn nicht auf Papier an ihre Regale pinnen). Das geht so: man fotografierte ein Werk ab und fragt art.sy. Ein Algorithmus soll dann ähnliche Werke erkennen und zum Betrachten anbieten. Das soll funktionieren, indem jedem Kunstwerk ein Set von über 550 Bedeutungseinheiten zugeschrieben wird – eine Art Bildmorpheme oder distinktive Kunst-Seme. Bei Art.sy spricht man von Kunst-Genen. Anhand dieser Kunst-Gene will art.sy dann eine Art Empfehlungsmarketing betreiben, das stärker als einfache Distributionswebites den Kunstmarkt verändern könnte, indem es die Auswahlmechanismen verformt, die ihm überhaupt zugrunde liegen. Was Kunst ist und was für wertvoll gehalten wird, das bestimmen heute genau wie vor hundert Jahren nicht nur Künstler und Publikum, sondern vor allem Galeristen und Kritiker. Art.sy könnte als neuer, allen zugänglicher und wirkungsmächtiger Geschmackbildungsmechanismus wirken. Nicht das Kunstwerk, sondern der Kunstgeschmack im Zeitalter seiner technischen (Re)produzierbarkeit: das würde eine Veränderung zur Folge haben, die weiter geht als alle technischen Veränderungen von Medium oder Distribution. Hier geht es um die Frage, wie wir Kunst verstehen, und was wir unter Kunst verstehen: hier wird verhandelt, was Kunst ist. Da ist sie ja doch, die Revolution.



http://www.sturmunddrang.de/agenda/innovations/ist-das-kunst-oder-kann-ich-das-loeschen

MALSCHULE

CHOREOGRAFIK

BILDER

KONTAKT/IMPRESSUM

HOMEHOME.html

ÜBER MICH

AKTUELLES
PRESSE
ARCHIVaktuellestitel.html